
Plötzlich wird es kühler, morgens steigen die Nebel aus dem Tal, die Sonne kämpft um ein Durchkommen. Dann, im Herbstsonnenschein erstrahlt die Welt in bunten Farben, die gelben Blätter erglänzen noch einmal bevor sie loslassen und zu Boden fallen. Ihr Sterben bringt den Humus für neues Leben.
Heute ist der 31. Oktober, Halloween – oder „Samhain“, wie es die Kelten nannten. Am 1. und 2. November feiern christliche Glaubensgemeinschaften „Allerheiligen“ und „Allerseelen“.
Egal, wie es genannt wird, dies ist ein Wochenende, an dem wir der Ahnen gedenken, dem Vergangenen und dem Vergehenden. Wir werden daran erinnert, dass Leben endlich ist, dass es ein Kreislauf von Werden und Vergehen ist, den die Natur uns vorlebt.
Es ist die Zeit, in der wir zur Ruhe kommen können und loslassen, was sich überlebt hat.
Meine Großmütter …
Wenn ich an meine Ahnen denke, fallen mir zuerst meine beiden Großmütter ein, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Sie haben Schicksale durchlebt, die ich mir kaum vorstellen kann. Beide waren junge Frauen im zweiten Weltkrieg.
Die eine hatte vier kleine Söhne und ein Bauernwerk auf der Schwäbischen Alb, ihr Mann kämpfte in Frankreich und Russland. Sie war auf sich allein gestellt, hielt den Hof am Laufen und versorgte ihre Familie mit dem, was die karge Alblandschaft hergab.
Die andere lebte in einer deutschen Enklave in Bosnien – gegründet von ihren Ahnen, den Donauschwaben, die im 17. Jahrhundert aus Hunger ein besseres Leben auf dem Balkan gesucht hatten. Dort war sie die Tochter eines wohlhabenden Landwirts, bis sie im Krieg mit ihrer Familie vertrieben wurde und nach langer Flucht im Süden Deutschlands ankam. Sie hatte alles verloren.
Als Kind wusste ich nichts von den Schicksalen meiner beiden Großmütter. Ich habe nur gesehen, dass die eine mir nach dem Mittagessen ein einziges „Ripple“ Schokolade gegeben hat, während die andere uns Enkelkinder zu Festtagen mit Bergen von Süßigkeiten überhäuft hat.
Damals empfand ich die eine als streng, die andere als großzügig. Ich wusste nicht, dass es ihre unterschiedliche Art war, mit den Härten, dem Mangel und den Verlusten umzugehen, die sie erlebt hatten. Und ich wusste nicht, dass es unterschiedliche Arten von Sparsamkeit und Großzügigkeit geben kann.
… und wie sie in mir weiterleben
Heute sehe ich Teile von beiden in mir selbst, wenn ich einerseits meine Tochter anmahne, übriges Essen nicht zu verschwenden und auf Haltbarkeitsdaten zu achten, und wenn ich andererseits mit ihr ins Café gehe und genieße oder ihr Dinge kaufe, die sie vielleicht weder braucht noch will. Oder wenn ich mal emotional sparsam und mal emotional großzügig bin…
Nicht alles, was ich von meinen Großmüttern übernommen habe, hat mir gut getan. Ich denke dabei an nagenden Selbstzweifel oder meine innere Unruhe, die mich früher immer wieder in die Ferne gezogen hat – so dass mich mein Vater scherzhaft ‚der Flüchtling‘ genannt hat.

Dies sind Dinge, die mir über die Jahre bewusster geworden sind, und die ich immer wieder, Stück für Stück, losgelassen habe. Wie die fallenden Herbstblätter, die nach und nach zu Boden schweben, weil sie sich überlebt haben.
Doch ich habe auch ein Erbe in mir, das mich trägt und unterstützt: sparsam und großzügig sein zu können; durchzuhalten, auch – und gerade – wenn es schwierig ist; mit weniger auskommen zu können, wenn es eng wird; und zu vertrauen, dass ein Licht am Ende eines düsteren Tunnels wartet, auch wenn ich es noch nicht sehe.
Dankbarkeit und Loslassen
Dafür – und auch für das schwierigere Erbe – bin ich meinen Großmüttern dankbar. Sie sind Teil von mir – und doch bin ich ganz ich selber. Ich darf von ihnen mitnehmen, was mich nährt und stärkt. Und ich darf loslassen, was ich eine Zeitlang mitgetragen habe, das nicht (mehr) zu mir gehört.
- Wer fällt dir ein, wenn du an deine Ahnen denkst?
- Welche Erinnerungen hast du an sie – in deiner Kindheit und im späteren Leben?
- Was verbindet dich mit ihnen?
- Was stärkt und nährt dich?
- Was hast du losgelassen – oder möchtest du noch loslassen?
- Ist noch etwas offen, das du mit deinen Ahnen klären möchtest?
- Wofür bist du ihnen dankbar?
Ich freue mich, wenn du deine Gedanken mit mir teilen möchtest, und vielleicht auch mit den Lesern dieses Wachstumsbriefes. Wenn du willst, schreibe mir einfach eine Mail.
Licht der Ahnen
Zum Gedenken an meine Großmütter und all meine anderen Ahnen werde ich heute eine Ahnenkerze gießen, die ich auf meine Fensterbank stelle und des Abends zu ihren Ehren anzünde. Damit zeige ich ihnen mein Erinnern und meine Dankbarkeit dafür, dass ich bin und für alles, was sie mir mit auf den Weg gegeben haben.
Es heißt, in der nebligen Herbstzeit seien die Schleier zur Anderswelt besonders dünn. Deshalb bin ich sicher, dass sie das Licht in meinem Fenster sehen und sich daran erfreuen.
Bunte Schätze und Einkehr

Und wenn du die Gelegenheit hast, einen sonnigen Herbstspaziergang im Wald zu machen, nimm dir einen Moment Zeit und betrachte die Wärme und Strahlkraft der bunten Blätter. Sie, wie sie zu Boden schweben, und vielleicht kommt dir der eine oder andere Gedanke, was es bei dir gibt, das reif ist, losgelassen zu werden, das du nicht mehr brauchst.
Falls du ein besonders strahlendes Blatt siehst, das du mit einer schönen Erinnerung oder einer geliebten Eigenschaft eines Ahnen verbindest, spricht nichts dagegen, es aufzuheben und als Erinnerung bei dir zu behalten.
Später, mit einer Kerze und einer warmen Tasse Tee, nimm dir einen Moment Zeit, innezuhalten und an all das Wertvolle zu denken, das deine Ahnen dir geschenkt haben.
Spüre, was du in dir trägst, was dich ausmacht, was dich zu dem macht, was du bist: das Geschenkte und das ganz Eigene. Der Humus, aus dem du gewachsen bist und das einzigartige Wesen, das du geworden bist.
Alles Liebe,
Karin
