Vom Sinn der Sinne: Wie hören Sie?


Morgens, zwanzig nach sechs. Noch im Halbschlaf nehme ich wahr, wie unsere Tochter neben mir im Bett langsam unruhiger wird. Sie wurschtelt in ihren Kissen herum, räkelt sich, dehnt sich, das Rascheln und ein leises Grunzen verraten mir, dass sie gerade am Aufwachen ist. Das noch verschlafene "Mama" bestätigt meinen Verdacht. Unten im Haus poltert es schon, alle sind auf und machen sich mit Energie fertig für Kindergarten, Schule, Arbeit. Die Heizung im Nebenzimmer brummt und über uns knackt die Holzdecke.
Wenige Stunden später sitze ich hier und höre die Uhr im Hintergrund ticken, den Rechner leise surren. Draußen zwitschern schon ein paar Vögel. Ansonsten ist es still um mich herum.

Mir gefällt diese Atmosphäre: die Stille, in der ich nur die wenigen Geräusche in der Wohnung, im Haus, in der Natur draußen wahrnehme. Kein Radio, kein Fernsehen. Irgendwann höre ich auch meinen Atem. Ich konzentriere mich darauf und bin präsenter, geerdeter. Auf diese Weise komme ich gleich in mehrerlei Hinsicht zur Ruhe.


Wie ist das bei Ihnen?


Was haben Sie als erstes gehört, als Sie heute morgen aufgewacht sind? Wurden Sie vom Wecker geweckt? Wie war der Klang? Biep-biep-biep----biep-biep-biep? Oder war es ein Radiowecker und Sie haben gleich die neuesten Nachrichten mitbekommen? Vielleicht kam auch ein hellwaches Kind hereingestürmt oder jemand hat Ihnen ein sanftes "Zeit zum Aufwachen" ins Ohr geflüstert …

Wie nehmen Sie Geräusche wahr? Was tut Ihnen gut?
Wir Menschen sind ja alle unterschiedlich: die einen mögen es lauter, brauchen vielleicht Radio oder Musik im Hintergrund, um sich wohl zu fühlen; die anderen genießen die Stille. Oder Sie brauchen beides, um in einem stimmigen Gleichgewicht zu sein.

Vielleicht haben Sie ja Lust, Ihre Hörgewohnheiten und -vorlieben ein wenig zu erforschen. Ich möchte Sie einladen, für eine gewisse Zeit bewusst zu hören und zu spüren, wie es sich anfühlt. Was tut gut? Was passt gerade? Wie empfinden Sie die Geräusche um Sie herum? Dabei geht es nicht um eine Wertung dessen, was Sie wahrnehmen, sondern einfach darum, es einmal bewusst wahrzunehmen. Und dann auch wieder loszulassen.


Der Stille lauschen


Wenn Sie wollen, können Sie diese bewusste Hör-Zeit mit einer kleinen Meditation beginnen.

Nehmen Sie sich etwas Zeit und suchen sich einen ruhigen Platz. Sorgen Sie dafür, dass Sie nicht gestört werden.

Nun setzen Sie sich bequem hin … wenn Sie wollen, schließen Sie die Augen … spüren Sie, wie Ihre Füße den Boden berühren … nehmen Sie die Unterlage wahr, auf der Sie sitzen … haben Sie eine Rückenlehne? … Wie fühlt sie sich an? … Spüren Sie die Arme, die vielleicht auf Ihrem Schoß oder einer Lehne aufliegen … die Schultern … den Nacken … den Kopf … Wie fühlt sich Ihr Gesicht gerade an? … Locker, verspannt? … Nehmen Sie es einfach wahr, ohne es zu bewerten.

Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit jetzt auf den Atem. Spüren Sie, wie Sie einatmen und ausatmen … wie die Luft durch die Nase strömt … Ihre Lungen sich weiten … und vielleicht hebt und senkt sich Ihre Bauchdecke im regelmäßigen Atemrhythmus … atmen Sie tief oder flach? … Achten Sie darauf, ob Sie Ihre Atmung auch hören können … wie klingt es, wenn die Luft hinein- und herausströmt? … Verweilen Sie einige Atemzüge lang bei dieser Wahrnehmung.

Während Sie immer noch in diesem nach innen gerichteten Zustand bleiben, öffnen Sie Ihr Gehör für die Geräusche, die um Sie herum sind … ist es ganz still? … oder hören Sie das Ticken einer Uhr … Vogelgezwitscher … Stimmen woanders im Haus? … Was immer Sie mit Ihren Ohren wahrnehmen, lassen Sie es einfach Ihren Gehörgang passieren … ist es laut oder leise? … nah oder weit entfernt? … Nehmen Sie es wahr und lassen es dann wieder verschwinden … Die Geräusche sind einfach um Sie herum, während Sie ganz bei sich sind … versuchen Sie, einige Minuten bei diesem bewussten Hören zu bleiben.

Lauschen Sie nun der Stille zwischen den Geräuschen … gibt es eine absolute Stille? … Sind Abstände zwischen den Geräuschen? … Was nehmen Sie darin wahr? … Hören Sie die Stille hinter den Geräuschen? …

Auch wenn sich Ihre Gedanken immer mal wieder einschalten und das, was Sie hören, bewerten oder mit einem Etikett versehen wollen … bleiben Sie einfach bei Ihrer Atmung und beim Hören … schicken Sie Ihre Gedanken freundlich weg … und kommen zurück zu Ihrer Wahrnehmung.

Verweilen Sie noch eine Weile in der Hörmediation … und wenn Sie bereit sind, lassen Sie alle Geräusche im Außen weit in den Hintergrund treten … lenken Ihre Aufmerksamkeit wieder auf Ihre Atmung … auf Ihre Füße am Boden … Ihr Gesäß auf der Unterlage … den Rücken an der Lehne … nehmen Sie Ihren ganzen Körper wahr … und kommen mit sanften Bewegungen wieder in Ihrem Raum an … öffnen Sie die Augen, wenn Sie bereit dazu sind.


Bewusst hören


Nach dieser Einstimmung können Sie in den Tag gehen und dem, was Ihre Ohren aufnehmen, bewusster lauschen. Was "macht" das, was Sie hören, mit Ihnen? Lassen Sie es sich sehr nahe kommen? Können Sie es wieder loslassen? Lernen Sie Ihre Hörgewohnheiten neu kennen - und nehmen Sie wahr, ohne zu bewerten.

Ich wünsche Ihnen spannende Hör-Eindrücke und -Erkenntnisse!




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